Der schiefe Turm von Pisa

1972 – 1985

Reisen, ohne den Wunsch zu verspüren, jemals auch ankommen zu wollen. Zu wissen, dass jedes Ankommen gleichzeitig auch Enttäuschung bedeutet. Der schiefe Turm von Pisa ist nicht so schief, das Empire State Building nicht so hoch und der Strand von Ceylon nicht so weiß ist, wie es uns unzählige Fotografien vorgegaukelt haben. Den Eifelturm als eine schlechte Kopie des Posters zu empfinden, das man vor Antritt der Reise im Reisebüro gesehen hat. Der Vorstellung von etwas recht geben zu wollen – und die Realität der Täuschung bezichtigen. Ankommen, und die Exotik als banal, die Hitze als lästig und die vorgefundene Armut als aufdringlich empfinden. Erkennen zu müssen, dass ein Seaworld oder Epcot im fernen Amerika, mit ihren Shows über diese Welt, unseren Vorstellungen von unserem Reiseziel sehr nahe kommen.

Zu spüren, dass unsere Welt rund ist, und dass ein Weggehen jedes Mal auch ein Ankommen bedeutet, an einen Ort, den man so nicht gesucht hatte. Unsere Traumreise, wie sie die Werbung verspricht, ist der Traum von einer Collage des vielfachen Glücks. Wir addieren Größe, Reinheit und Schönheit, Bedeutung und Kultur, die Summe dessen heißt Erwartung. Traumreisen aber werden nur zu Hause bereist – das wirklich erreichte Reiseziel macht uns Reisende hingegen nur sterblicher.

André Gelpke 1975