Amok

2000 – 2012

Was? Immer wieder dieses Was! Und kurz nach dem Was das Warum, warum das? Hat man das Warum geklärt, gelangt man automatisch zum Wie. Wie mache ich das. Immer diese drei Fragen in erwähnter Reihenfolge. Was fotografiere ich, warum tue ich das und wie gehe ich dabei vor. Der Mensch fragt, aber die Welt antwortet nicht, also macht er sich selber ein Bild von ihr?

Die Fragen! Ich frage und bekomme Antworten dadurch, dass ich Bilder mache? Andererseits heißt Fotografieren doch lediglich erkennen. Anders, was ich nicht erkenne, fotografiere ich nicht, weil ich es gar nicht sehe. Neben allen wichtigen Fragen des Was und des Warum, was fotografiere ich und warum, ist aus heutiger Sicht das Wie wieder von zentraler Bedeutung. Die fortschreitende Digitalisierung stellt die verständliche Frage, ob die analoge Fotografie überhaupt noch zeitgemäß ist.

Der analoge technische Prozess unterscheidet sich auch inhaltlich vom digitalen. Der Unterschied liegt in der digital möglichen Kontrolle der gemachten Bilder. Musste ich früher meinen technischen und formalen Fähigkeiten vertrauen, so ist es mir mit einer digitalen Kamera heute möglich, dieses, mein Können, ständig zu kontrollieren. Dieses „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ schafft ein Zufriedensein durch Auswahl vor Ort, ich lösche die Bilder, die meinen Kriterien nicht entsprechen.

Ich habe Fotografie immer als ein mich nur begleitendes Medium begriffen, lediglich dafür da, um von A nach B zu kommen. Fotografie ist für mich ein Alibi. Fotografieren, um bei der Sache zu sein, die mir begegnet und mich interessiert. Fotografie als ein Beleg auch wirklich dagewesen zu sein, nicht für andere, immer für mich selber. Fotografie ist für mich ein Kreis mit zwei Polen. Die eine Hälfte wird gelebt, die andere, sich erinnert. So einfach, so kompliziert ist das mit mir und mit meiner Fotografie.

Fotografie ist mein Sammeln von Erinnerungen, ein langsames Sattwerden, um endlich Abstand davon nehmen zu können. Fotografie ist eine Strategie gegen meine Angst vor dem Verlust. Ich benutze Fotografie immer für dasselbe: fest halten, sichtbar machen, deutlich machen und zurück holen, im Sinne von Erinnerung. Aber auch ich frage mit ihr, der Fotografie. Nur sie, diese fotografierte Welt, gibt mir keine Antwort. Keine entscheidende zumindest, denn durch sie wird mir lediglich die Zeit bewusst im Sinne von Geschwindigkeit und somit auch meine Vergänglichkeit. Ich spüre durch sie, dass ich sterblich bin.

André Gelpke 2012